Dienstag, 08 Mai 2007 02:00

‚Erlebt in Berlin‘ oder ‚Autofahren in Westberlin mit einem EW-Kennzeichen‘

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Die Getränkevorräte sind aufgebraucht, Nachschub muss her. Ich frage meinen Mitbewohner ob ich mir sein Auto leihen kann, da ich Getränke immer in rauen Mengen kaufe und sich das alles mit der U-Bahn blöd transportieren lässt.

Das Auto ist ein Golf II mit einem alten EW-Kennzeichen.

Ich mach das Fenster ein Stück runter (Zum Glück! Sonst wäre mir Großes entgangen…), fahre los, raus aus meiner Straße (verkehrsberuhigter Bereich) deren Ende wiederum in einer Querstraße mündet. Da diese Straße sehr stark und schnell befahren ist, und überall Autos parken, muss man sich vorsichtig an die Kreuzung herantasten bis man den Verkehr einsehen kann.

Ich fahre also langsam ran, gucke noch nach links und rechts, da ein Fußgänger- und Radweg meine Straße kreuzt. Alles frei. Ich taste mich langsam vor um den Verkehr einsehen zu können. Das kann dauern…

Dabei blockiere ich den Radweg, es geht halt nicht anders. Als ich bemerke, dass rechts ein älterer Herr mit Fahrrad und Hund steht, setze ich zurück um den Radweg wieder für ihn befahrbar zu machen. Er hätte auch hinter mir vorbeifahren können, aber das war ihm wohl zu umständlich.

Jedenfalls setze ich zurück, gebe eindeutige Handzeichen, dass er den Radweg jetzt passieren kann. Keine Reaktion. Ich versuche es noch einmal, lächle ihn an, gebe ihm zu verstehen, dass ich warte. Vergebens, er würdigt mich keines Blickes. Es soll wohl nicht sein, ich fahre wieder vor und stehe erneut auf dem Radweg. Ich möchte noch einmal bemerken, dass hinter mir sehr viel Platz ist, er keine, wirklich keine Probleme hat hinter mir vorbeizufahren.

Das sieht nun auch er so, und tritt in die Pedale. Als er gerade hinter mir vorbei ist, höre ich nur „blödes Ossiarschloch“. Ich drehe mich um, traue meinen Ohren nicht und spreche ihn an „Wie bitte?“. Er steigt ab, lässt Hund und Rad stehen und tritt ans Autofenster. Er legt los: „Du blödes Ossiarschloch habe ich gesagt! Dafür bezahle ich jahrelang! Dafür, dass du hier fährst wie ein Arschloch! Mach bloß dass du zurück in deinen Osten kommst! Dafür habe ich bezahlt! Das du hier so fährst!“ Der Mann scheint gefrustet.

Ich denke kurz nach, er spricht über den Solidaritätsbeitrag! Ich muss ihn einfach nochmal fragen, „Bitte WAS haben sie bezahlt“? Er: „Dafür, dass du hier fährst wie ein Arschloch. Deinen Führerschein habe ich bezahlt!“ Mir fällt nichts mehr ein. Ihm auch nicht, er steigt wieder auf sein Rad, nimmt seinen Hund und fährt weiter. Zum Abschluss kriege ich noch ein „Fahr’ bloß wieder in deinen Osten!“ an den Kopf geworfen.
Danach fahre ich in Westberlin einkaufen, wenn der wüsste…

Alle Westdeutschen, die meinen, sie hätten meinen Führerschein bezahlt, schicken bitte einen Verrechnungsscheck an meinen Vater. Der hat das Geld nämlich damals ausgelegt und würde sich bestimmt freuen, wenn er es wiederbekommen würde.

Anmerkung des Verfassers: Sollten Sie sich fragen, warum ich die Worte des älteren Herrn nicht „freundlich umschrieben“ habe, um den Artikel mehr Niveau zu verleihen: Ich habe es bereits getan, was er wortwörtlich sagte, wollen Sie gar nicht wissen…

Gelesen 15928 mal Letzte Änderung am Dienstag, 16 Mai 2017 16:22
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